Üben oder proben - was ist eigentlich der Unterschied?

Vor einiger Zeit wurde mir vorgeschlagen, für meinen Blog und Podcast folgendes Thema zu behandeln:
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Üben und Proben?
Vielleicht scheint diese Frage auf den ersten Blick banal zu sein. Musiker reden schließlich dauernd vom Üben oder vom Proben.
Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, dann stelle ich mir schon diese Frage:
Wann übe ich eigentlich und wann probe ich?
Was bedeutet es überhaupt, wenn man übt?
Wenn ich jetzt die Gitarre als Beispiel hernehme, dann würde ich sagen, dass ich übe, wenn ich an gewissen Fertigkeiten auf der Gitarre arbeite.
Zum Beispiel, wenn ich an einem Part arbeite, der noch nicht richtig funktioniert.
Es kann aber auch sein, dass ich meine technischen Fähigkeiten an der Gitarre verbessern möchte.
Aber auch das Timing ist ein Punkt, den man nicht unterschätzen sollte und den man üben kann.
Auch wenn ich Akkordwechsel interessanter gestalten möchte, muss ich das üben.
Natürlich ist auch Improvisation ein wichtiger Teil, den man regelmäßig üben sollte.
Oder wenn es darum geht, ein gewisses Tempo und eine gewisse Geschwindigkeit zu erreichen.
Natürlich möchte ich auch generell an meinen musikalischen Fähigkeiten arbeiten und diese verbessern.
Ich kann also sagen, dass ich beim Üben gezielt an etwas arbeite, das ich noch nicht so kann, wie ich es gerne können möchte.
Was ich in diesem Zusammenhang erwähnen möchte, ist, dass man eine Unterscheidung zwischen Spielen und Üben treffen sollte.
Spielen ist nicht automatisch Üben.
Wenn ich zum Beispiel eine halbe Stunde lang einen Song spiele, den ich bereits beherrsche, dann habe ich zwar Gitarre gespielt. Aber habe ich dann auch wirklich Gitarre geübt?
Vielleicht möchte ich manchmal auch einfach nur die Gitarre in die Hand nehmen und spielen, weil ich gerade Lust darauf habe. Ohne ein bestimmtes Lernziel, ohne etwas für einen Auftritt vorzubereiten und ohne unbedingt etwas verbessern zu wollen.
Auch das gehört für mich zum Musikmachen dazu.
Was bedeutet es jetzt aber zu proben?
Ich nehme jetzt das Beispiel einer Bandprobe her.
Wenn sich Musiker treffen, um gemeinsam zu proben, ist es nicht zielführend, wenn jemand
dort erst sein Instrument lernt oder die Songteile, die derjenige spielen sollte.
Bei einer Bandprobe geht es eher um Punkte wie:
Zusammenspiel
Einsätze und Timing
Übergänge
Dynamik und Sound
Arrangement
Tempo
Ablauf und Setliste
Vorbereitung auf einen Auftritt
Bei einer Probe geht es für mich darum, das musikalische Material auf eine konkrete gemeinsame oder spätere Anwendung vorzubereiten.
Eine Bandprobe ist keine gemeinsame Übungsstunde.
Das bedeutet: Wenn die Musiker zu einer gemeinsamen Probe zusammenkommen, wäre es sinnvoll, wenn jeder Musiker seinen Part auf dem Instrument beherrscht.
Es bringt nichts, wenn jemand unvorbereitet kommt und erst in der Probe den Teil üben muss, den er auf seinem Instrument spielen sollte. So etwas kostet viel Zeit und währenddessen können die anderen Musiker oft nur herumstehen.
Dieser Teil hätte auf jeden Fall vor der Bandprobe geübt werden sollen.
Ich darf mich dabei aber selbst auch nicht ganz ausschließen. Natürlich machen wir alle einmal solche Erfahrungen beim Proben und auch selbst ist man vermutlich nicht immer so vorbereitet, wie man es sein sollte.
Eine kleine Episode aus meinem eigenen Leben war, dass ich bei einer Bandprobe meine Parts auf der Gitarre zwar alle geübt hatte und spielen konnte. Allerdings riss mir während der Probe eine Gitarrensaite und ich konnte somit nicht mehr vernünftig spielen.
Das Problem war, dass ich keine Ersatzsaiten bei der Probe dabeihatte.
Das passierte zwar gegen Ende der Probe, aber trotzdem wurde die Probe danach beendet. Also war ich in diesem Fall derjenige, der dafür verantwortlich war, dass wir die Probe nicht vernünftig zu Ende bringen konnten.
Das bedeutet für mich, dass man bei einer Bandprobe nicht nur seinen Part auf dem Instrument können sollte, sondern auch mit gut funktionierendem Equipment erscheinen sollte. Dinge wie Ersatzsaiten oder auch Ersatzkabel sollte man griffbereit haben.
Aber grundsätzlich ist es natürlich so:
Je besser jeder Einzelne vorbereitet ist, desto mehr kann bei einer gemeinsamen Probe tatsächlich gemeinsam gearbeitet werden.
So sauber lassen sich Üben und Proben aber nicht immer voneinander trennen
Es kann bei einer Probe zum Beispiel festgestellt werden, dass ein Übergang in einem Song nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat.
Dieser Übergang wird jetzt immer wieder gespielt, aber er funktioniert einfach nicht.
Das kann dann bedeuten, dass dieser Übergang neu arrangiert wird und die einzelnen Musiker ihren neuen Part erst finden müssen.
In so einem Fall übt dann jeder seinen neuen Teil auch innerhalb einer Bandprobe.
Das zeigt: Obwohl Üben und Proben zwei unterschiedliche Tätigkeiten sind, können sie unter Umständen fließend ineinander übergehen.
Kann man eigentlich auch alleine proben?
Jetzt kommt noch ein interessanter Aspekt, wie ich finde, der auf meine momentane Situation und auf mein derzeit geplantes Projekt zutrifft.
Ich arbeite zurzeit an einem Soloprojekt für Gitarre und möchte bekannte Songs instrumental auf der Gitarre spielen.
Ich bin also alleine in meinem Homestudio und spiele bei diesen Songs gewisse Parts immer wieder durch, bis ich sie beherrsche.
Ich übe.
Anschließend spiele ich den kompletten Song durch und schaue, ob der Part, den ich geübt habe, so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.
Ich probe.
Gleicher Raum.Gleicher Musiker.Gleiches Instrument.
Trotzdem zwei unterschiedliche Tätigkeiten.
Vielleicht entscheidet nicht darüber, ob ich übe oder probe, wie viele Musiker beteiligt sind. Entscheidend ist, was ich mit der jeweiligen Tätigkeit erreichen möchte.
Wenn dann wirklich ein Auftritt näher kommt, reicht es nicht mehr, jeden einzelnen Song spielen zu können.
Dann kommen andere Fragen:
Kann ich das komplette Set durchspielen?
Funktionieren die Übergänge?
Wie starte ich den nächsten Song?
Wann brauche ich welches Equipment?
Funktionieren Sounds und Lautstärken?
Was passiert zwischen den Songs?
Wie fühlt sich das ganze Programm am Stück an?
Damit wird eine Probe teilweise zur Simulation des späteren Auftritts.
Was bedeutet richtiges Üben?
Auch bei meiner Tätigkeit als Musiklehrer spielt diese Frage des Übens oft eine Rolle.
Ein Schüler könnte zum Beispiel zu mir sagen, dass er in der vergangenen Woche wirklich jeden Tag geübt hat.
Aber vielleicht hat er einfach nur immer wieder den Song von vorne bis hinten durchgespielt – mit denselben Fehlern.
Was bedeutet eigentlich richtiges Üben in so einem Fall?
Nur einen Song immer wieder von Anfang bis Ende durchzuspielen, ist nicht automatisch effektives Üben – vor allem dann nicht, wenn dabei jedes Mal dieselben Fehler passieren.
Ich denke, in so einem Fall bedeutet richtiges Üben eher Folgendes:
Schwierige Stelle erkennen→ isolieren→ langsam bearbeiten→ wiederholen→ anschließend wieder in den Song einsetzen
Natürlich bedeutet das nicht, dass es grundsätzlich keinen Sinn ergibt, einen Song komplett durchzuspielen. Auch das kann wichtig sein. Entscheidend ist für mich wieder, was ich mit dem
Üben gerade erreichen möchte.
Wie sieht es eigentlich bei mir selbst aus?
Natürlich kann ich mir dieselben Fragen auch selbst stellen:
Übe ich selbst immer wirklich gezielt?
Spiele ich manchmal lieber das, was ich ohnehin schon kann?
Habe ich früher Songs einfach immer wieder komplett gespielt und das als Üben bezeichnet?
Hat sich mein Übeverhalten mit meiner Erfahrung verändert?
Bin ich bei Proben heute anders vorbereitet als früher?
Auch in meinem Leben gibt es natürlich Phasen, in denen ich nicht so gezielt übe, wie ich es eigentlich sollte.
Manchmal nehme ich die Gitarre eben lieber in die Hand und spiele einfach das, was mir gerade Spaß macht.
Vielleicht ist aber auch genau das wichtig.
Nicht jedes Mal, wenn ich eine Gitarre in die Hand nehme, muss daraus eine Übungseinheit werden.
Spielen – üben – proben
Abschließend denke ich, dass man dieses Thema in drei Begriffe aufteilen kann:
Spielen – Üben – Proben
Beim Spielen mache ich Musik, ohne unbedingt etwas verbessern oder vorbereiten zu müssen.
Beim Üben arbeite ich gezielt an etwas, das ich verbessern möchte.
Beim Proben bereite ich das musikalische Ergebnis auf eine konkrete Situation vor.
Und natürlich können sich alle drei überschneiden.




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